Hintergrundbild
Sie sind hier: » Explorer » Startseite » Register » Kompendium der Waffenkunde » Verzeichnis S » Portal sächsische Waffen » sächsische Hand-Feuer-Waffen (1700 - 1873)


   Hand-Feuer-Waffen der sächsischen Armee vom Anfang des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts   

Lexikon der Waffenkunde

Hand-Feuer-Waffen "Sachsen" (kurfürstlich-sächsische, vor 1700 bis 1806)


... zu den lokaler Link königlich-sächsischen Feuer-Waffen (nach 1806 bis 1870)


... zurück zur Übersicht sächsische Feuer-Waffen

Infanterie-Gewehre vor 1729 (... auch Gewehre "Suhler Manufaktur" genannt)

Hand-Feuer-Waffen aus der Gruppe der flinten-artigen Vorder-Lader, Art der Musketen, mit Steinschloss-Zündung. Infolge der Kompanie-Wirtschaft wurden in den Suhler Manufakturen Waffen aller Art einzig nach Bedarf und somit in der Regel nur in limitierten Kleinst-Auflagen geordert. Diese Praxis hatte zur Folge, dass eindeutig bestimmbare Modell-Serien vor 1729 heute nicht mehr auszumachen sind.

Infanteriegewehr vor 1729
Qualitativ hochwertige Muskete aus "Suhler Manufaktur". Obwohl noch für die Aufbringung eines Spund-Bajonetts gefertigt, ist die Ähnlichkeit zu den in dieser Zeit in Frankreich bereits produzierten "Fusils de Tulle" bzw. "Fusils de Chasse" (leichte Musketen, die für das Aufsetzen von Tüllen-Bajonetten geeignet waren) insbesondere mit Blick auf die Gestaltung von Kolben und Kolbenhals auffällig. Darunter: Spund-Bajonette, Ende 17. Jahrhundert aus deutscher Fertigung (Montage; Quelle: befreundeter Sammler aus Böhmen).


Vorläufer (Vorlage):
keine klassifizierbaren Angaben
Nachfolger:
lokaler Link erleichtertes Gewehr Modell 1724
lokaler Link Infanterie-Gewehr Modell 1729

Ein kleines Huhn, eingeschlagen in den Lauf einer rostigen Feuer-Waffe, ist in der heutigen waffen-kundlichen Betrachtung historischer Vorder-Lader oftmals Auslöser abenteuerlichster Spekulationen: Eine der kuriosesten Auslegungen ist bspw. die These, dass der Schütze mit dieser Markierung den geglückten Abschuss eines Auerhahns markiert haben könnte...

Historischer Hintergrund des kleinen Huhns ist das am 22. Januar 1563 von Graf Georg Ernst von Henneberg (1511 – 1583, siehe dazu externer Link WIKIPEDIA) an die in Suhl ansässigen Büchsen-Macher, Sporer und Winden-Macher vergebene und mit vorteilhaften Privilegien verbundene Innungs-Recht, aus dem am 28. März 1564 die "Beschauordnung für die Meister des Büchsenmacher-Handwerkes" hervorging. Von nun an prüften zwei von der Innung gewählte "Schau-Meister" die Qualität der gefertigten Läufe und zeichneten makellose Stücke mit einem Hennen-Schauzeichen aus, dem Wappen-Tier der Grafen von Henneberg, das somit zu einem der ersten Güte-Zeichen bzw. "amtlichen Beschuss-Siegel" wurde.


Suhler Stempel
Verschiedene Suhler Beschuss-Siegel (Montage, Quellen u.a.: ► "engerisser.de" [Seite zum 30jährigen Krieg] und Hermann Historica, München)



Die Rohr-Schmiede erhielten am 4. April 1579 ihr eigene Innung; die Läufe wurden ab dem Jahr 1596 mit dem Zusatz "SVL" (damalige Schreib-Weise für Sul; heute Suhl) markiert, spätere Stücke tragen bspw. die Prägung "SK" (Fabrikation Kolbe oder Klett, später auch für "Suhler Konsortium").

Ein typisches Gewehr-Modell für die Zeit um 1700 zu bestimmen, ist auf Grund der wenigen erhaltenen Original-Exemplare und der steten Beeinflussung nicht möglich: Zwar arbeiteten die Suhler Büchsen-Macher in einer Art Kooperations-Gemeinschaft und fertigten Haupt-Komponenten wie Läufe, Schäfte und Schlösser nach einem gewissen seriellen Standard, doch orderten die Auftrag-Geber in der Regel individuelle Serien von einigen Dutzend bis wenigen hundert Musketen nach eigenen Vorgaben, was nicht nur die Kosten in die Höhe trieb, sondern auch Ursache für eine Vielzahl von Kombinationen, Adaptionen und Innovationen war. Belegbar ist, dass die Suhler Gewehr-Fabriken verschiedene Modelle u.a. nach Brandenburg und Österreich, in die Schweiz und nach Frankreich -, sogar bis nach Skandinavien, Russland, England und Italien lieferten. Darüber hinaus warben die Fabrikationen Potsdam und Sömmerda, Ferlach und Steyr zahllose Meister samt Betrieb ab, wofür im Gegenzug bspw. flämische Büchsen-Macher in Suhl tätig wurden.

Mit dem Reskript vom 3. Juni 1695 befahl Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen (1670 – 1733; besser bekannt als "August der Starke") den Kommandeuren seiner Regimenter zu Fuß, dass diese "... das Gewehr selbst anschaffen und unterhalten müssen". Für die hierbei entstehenden bzw. laufenden Kosten wurde jeder Kompanie ein monatlicher Etat von rund drei Talern bewilligt, "... damit die Mannschaft kein weiterer Abzug hinfür an ihrer monatlichen Löhnung leiden dürfte". Bedenkenswert ist jedoch der Umstand, dass die in Suhl bzw. in Gotha gefertigten Musketen mit einem Neu-Preis von drei bis vier Talern pro Stück kalkuliert und gehandelt wurden; das Regiment bei laufenden Kosten für Reparatur und Instand-Haltung und infolge der praktizierten Kompanie-Wirtschaft somit jährlich – rechnerisch - nicht mehr als etwa sechzig neu- bzw. rund einhundert aufgearbeitete Gewehre erwerben konnte, diese dann von unterschiedlichsten Typen und Qualitäten. Im Ergebnis verfügte also jedes Regiment über ein "regelrechtes" Durcheinander von Feuer-Waffen aller Art, verschiedenster Fertigungs-Reihen und diverser Kaliber, wie die Rechnungen des Zeughauses zu Dresden (siehe dazu externer Link WIKIPEDIA) belegen: Allein während der Kämpfe in und um Polen im Zeitraum von 1700 bis 1711 orderte die sächsische Armee von diversen Herstellern aus dem In- und Ausland 73.547 Flinten, rund 4.000 Karabiner und 6.400 Paar Pistolen mit unterschiedlichsten Kalibern.

~

Abmessungen, Angaben und Beschreibungen zu Modellen aus dieser Zeit variieren auf Grund der Vielzahl von Typen in der Art, dass vergleichende Daten hier zu weit führen würden.
Hersteller-Angaben
Entwickler: diverse
Hersteller (Manufakturen): diverse
Produktionszeit: bis 1713
produzierte Stückzahl: keine Angaben
Verbreitung: europa-weit

Kategorisierung (allg.): siehe Muskete

Segmentierung
Gruppe: Vorder-Lader
Bereich: Nahbereichs-Waffe
Reichweite (effektiv): 75 bis 150 m (max. 300 m)
Sektion: glattläufige, flintenartige (Gewehre)
Art: Muskete
System: Steinschloss-Zünder
Kadenz: 2 bis 3 Schuss pro Minute
Typ: Infanterie-Gewehr
Modell: diverse

technische Angaben
Gesamt-Länge: um 1.500 bis 1.800 mm
Lauf-Länge: um 1.000 bis 1.500 mm
Lauf-Befestigung: Stifte und/oder Ringe
Kaliber: zwischen 15 und 20 mm
Gewicht: zwischen 4 bis 6 kg

Ansichts-Exemplare
Sammlung: externer Link Waffenmuseum Suhl, Thüringen


Schloss M/1700
Detail-Ansicht: Steinschloss einer Suhler Muskete um 1700
Fraglich ist, ob das hier montierte "runde" (gewölbte) Schloss-Blech aufgrund fehlender Vergleiche als originales Stück bestätigt werden kann; derartige Teile waren wohl erst ab dem Modell 1744 reglementiert...



... zu den lokaler Link königlich-sächsischen Feuer-Waffen (nach 1806 bis 1870)


... zurück zur Übersicht sächsische Feuer-Waffen


... zurück zum KOMPENDIUM der Waffenkunde - Verzeichnis


Offiziers-Gewehr M 1724 (... auch "erleichtertes Gewehr" genannt)

Hand-Feuer-Waffe aus der Gruppe der flinten-artigen Vorder-Lader, Art der Musketen, mit Steinschloss-Zündung. Das überwiegend von den Subaltern-Offizieren der sächsischen Grenadiere geführte serielle Gewehr.

Offiziersgewehr M 1729
Abbildung eines Modells um 1750 (Bearbeitung; Quelle: "Zeitschrift für historische Waffenkunde – Die Handfeuerwaffen der sächsischen Armee", Oberst a.D. Carl Moritz Thierbach [1825 – 1906], Heft 5, Dresden, 1904). Augenscheinlich ist das Gewehr bzgl. des abgewinkelten Kolben-Halses hin zum Schaft den zu Lüttich gefertigten Musketen sehr ähnlich; die französischen Infanterie-Gewehre, die um 1720 zum Vorbild für die österreichisch-sächsischen Infanterie-Gewehre wurden, weisen zu dieser Zeit eine "barocke", bogenförmig-geschwungene Form auf.


Vorläufer:
lokaler Link Infanterie-Gewehre vor 1729
Nachfolger:
lokaler Link Infanterie-Gewehr Modell 1729

Aus welchen Gründen an die Offiziere der sächsischen Grenadier-Kompanien im Jahr 1724 Musketen ausgegeben wurden, konnte bislang nicht geklärt werden (zumal selbst in den Einheiten der späteren leichten Infanterie europaweit nur wenige Offiziere zu Fuß Feuer-Waffen – gleich ob Pistolen oder Gewehre – als reguläre Ordonanz-Waffen führten). Darüber hinaus beschreiben einige Quellen, dass sämtliche Offiziere und Unteroffiziere des kurfürstlich-sächsischen Hilfs-Korps, das im Früh-Sommer des Jahres 1737 unter General Moritz Friedrich von Milckau (16?? - 1740) eiligst gegen die Türken zusammen- und an die Seite der österreichischen Armee unter Feldmarschall Ludwig Andreas von Khevenhüller (1683 - 1744) gestellt wurde, anstelle ihrer Spontons zumindest in diesem Feldzug das "erleichterte Gewehr" getragen haben (wobei die "Erleichterung" des Modells dadurch erreicht wurde, dass das Offiziers-Gewehr in Lauf- und Gesamt-Länge deutlich kürzer als das Mannschafts-Modell ausfiel und somit eigentlich den Kriterien eines Karabiners entsprechen würde).

Mit dem Abschluss der Reorganisation der sächsischen Armee nach Vorbild der französischen Armee zum 1. Mai 1810 gaben die Offiziere die von ihnen geführten Gewehre ab; als Ordonnanz-Waffe verblieb ihnen ausschließlich der Degen. Hingegen gestattete ein Reskript vom 8. Juni 1807 nunmehr den Unteroffizieren ausdrücklich das Tragen eines verkürzten Gewehrs. Strittig ist, ob es sich bei diesen Waffen um die hier beschriebenen Offiziers-Gewehre oder um Karabiner handelt.

Da das Kaliber anfänglich "gleich dem der Truppengewehre sein" sollte und diesbezüglich geschildert wird, dass Anfang des 18. Jahrhunderts für Mannschafts-Gewehre der sächsischen Infanterie achtzehn Kugeln aus dem Pfund Blei gegossen werden sollten, würde das Kaliber rechnerisch etwa 17 Millimeter betragen. Eine Ausgabe der "Zeitschrift für historische Waffenkunde" (Verein für historische Waffenkunde, Dresden, 1897-1920) benennt für ein etwa im Jahr 1905 in der Sammlung des Dresdener Arsenals vorhandenes Stück ein Kaliber von 16,8 Millimeter, wogegen spätere Modelle, die optisch baugleich der ersten Serie gewesen sein sollen, entweder auf 18,6 Millimeter aufgebohrt oder ab einem bislang unbekannten Zeitpunkt mit diesem Kaliber (vierzehn Kugeln auf das Pfund) gefertigt worden sein mussten.

Zur "Großen Uniform" trugen die Offiziere zu diesem Gewehr Munitions-Taschen, die mit aufwendigen Stickereien verziert waren und auf farben-prächtig emaillierten bzw. ebenfalls gestickten Schildern das kursächsisch-polnisch-litauische Wappen zeigten. Darüber hinaus wird in sämtlichen Beschreibungen auf ein s.g. "Barten- (oder Parten-) Bajonett" verwiesen, das auf beiden Seiten der breiten Klinge den "königlichen Namenszuge nebst Krone von vergoldetem Messing" zeigte (siehe unten stehende Abbildung).

~

Da bislang weder eine Zeichnung des Modells aus dem Jahr 1724 noch originale Ansichts-Exemplare ausgemacht werden konnten, bleiben nur die wenigen technischen Daten für ein Exemplar, das dem Jahr 1750 zugeordnet wurde, und die bislang auch nicht durch eine zweite Quelle bestätigt werden konnten:
Hersteller-Angaben
Entwickler: keine Angaben
Hersteller (Manufakturen): keine Angaben
Hersteller (Gravuren): keine Angaben
Produktionszeit: ab 1724 bis vermutlich 1806
produzierte Stückzahl: keine Angaben
Verbreitung: sächsische Herzogtümer und Polen

Kategorisierung (allg.): siehe Muskete

Segmentierung
Gruppe: Vorder-Lader
Bereich: Nahbereichs-Waffe
Reichweite (effektiv): 75 bis 150 m (max. 300 m)
Sektion: glattläufige, flintenartige (Gewehre)
Art: Muskete
System: Steinschloss-Zünder
Kadenz: 2 bis 3 Schuss pro Minute
Typ: Infanterie-Gewehr
Modell: M 1724
Versionen/Modifikationen: keine Angaben

technische Angaben
Gesamt-Länge: ca. 138,0 cm
Lauf-Länge: ca. 101,2 cm
Lauf-Befestigung: Stifte
Kaliber: ca. 17,2 mm (18 Kugeln auf das Pfund)
Kugel-Durchmesser: ca. 16,8 mm
Schlossblech-Länge: keine Angaben
Schaft: Nussbaum
Kimme: keine Angaben
Korn (Messing): Visier-Korn etwa 10 cm hinter der Mündung
Gewicht: keine Angaben

Ansichts-Exemplare
Sammlung: Empfehlung gesucht


Grenadier-Offizier IR König um 1800
Grenadier-Offizier des sächsischen Infanterie-Regiments "Kurfürst" in der Uniformierung um 1800.
Gut erkennbar das oben beschriebene Barten-Bajonett. Offensichtlich ist das hier gezeigte Offiziers-Gewehr noch mit einem hölzernen Lade-Stock ausgestattet, was vermuten lässt, dass die Offiziere das Gewehr zwar trugen, im Gefecht jedoch nur in Ausnahmen verwendeten.
unbekannter Künstler
(Quelle: ► "napoleon-online" - Sachsen; Armee 1796 - 1806)



... zu den lokaler Link königlich-sächsischen Feuer-Waffen (nach 1806 bis 1870)


... zurück zur Übersicht sächsische Feuer-Waffen


... zurück zum KOMPENDIUM der Waffenkunde - Verzeichnis


Infanterie-Gewehr M 1729 (... auch Gewehr "Suhler Muster" genannt)

Hand-Feuer-Waffen aus der Gruppe der flinten-artigen Vorder-Lader, Art der Musketen, mit Steinschloss-Zündung. Der erste Groß-Auftrag für die in Suhl ansässigen Innungen: Das Gewehr wurde nach Vorbild des französischen "Fusil de Tulle de Chasse Modèle 1717" bereits für die Armee Österreichs gefertigt und dort unter den Bezeichnungen "Ordinäre Flinte" bzw. "Commiss-Flinte" (Modell 1722) geführt. Im Jahr 1730 erfolgte dann die Einführung in der sächsischen Armee, die das Gewehr in den Kriegen um Schlesien trug.

Infanteriegewehr M 1729
Das hier präsentierte Exemplar stand mit großer Wahrscheinlichkeit im Dienst der österreichischen Armee (wie ein lauf-oberseitig eingeschlagener Stempel vermuten lässt). Da die "Suhler Innung" das für Österreich hergestellte Gewehr ab 1728 auch für die sächsische Armee produziert hat, darüber hinaus weitestgehend standardisierte und vorgefertigte Einzel-Teile Verwendung gefunden haben, dürften sich die Versionen nur in kleineren Details (bspw. Truppen-Stempel o.ä.) unterschieden haben. Unten: Ein frühes Dillen-Bajonett mit "Sponton-Klinge" (Montage; Quelle: befreundeter Sammler aus Böhmen).


Vorlage:
"Fusil de Chasse, Modèle de 1717"
Nachfolger:
lokaler Link Infanterie-Gewehr Modell 1744
Vorläufer lokaler Link Infanterie-Gewehre vor 1729

Am 18. August 1728 legte ein Oberst Hildebrand von Kracht seinem Kurfürsten Friedrich August I. von Sachsen (1670 – 1733, seit 1697 als August II. auch König von Polen, besser bekannt als "der Starke") einen Bericht vor, der das Ergebnis einer Revision der in den Zeughäusern, Depots und in der Truppe vorhandenen Waffen zusammenfasste: Nicht nur, dass hauptsächlich die von den einzelnen Regimentern und Kompanien präsentierten Feuer-Waffen weder über ein einheitliches Kaliber -, noch über kompatible Bau- oder Einzel-Teile verfügten (was bspw. die Instand-Setzung oder Reparatur mangelhafter oder beschädigter Stücke entschieden erleichtern würde), vielmehr waren die meisten Gewehre wohl in einem derart schlechten Zustand, dass sie für ihre eigentliche Zweck-Bestimmung mehrheitlich völlig unbrauchbar waren. Bei den verwendbaren Stücken "könnten die angeordneten eisernen Ladestöcke dabei nicht angebracht werden, weil die Schäfte dazu zu schwach wären".

Die Gründe für die Miss-Stände waren vielfältig: Einerseits bestellten die Obristen in Suhl, Sömmerda oder Gotha, Maastricht, Lüttich oder gar Florenz Musketen nach individuellen Vorgaben oder Kassen-Lage. So das eine oder andere jedoch fehlte, fertigten die Büchsen-Macher die bestellten Klein- bzw. Kleinst-Auflagen nach eigenem Gutdünken oder boten günstige Stücke, die gerade auf Lager waren. Andererseits genügten die rund drei Taler Gewehr- und Reparatur-Geld, die rechnerisch jeder sächsischen Kompanie monatlich angewiesen wurden, nicht für den Kauf eines neuen Stückes von guter Qualität, wenn ein immer größerer Bestand gleichzeitig instand-gehalten bzw. repariert werden musste. Krämer bzw. s.g. reisende "Faktoren" kauften ausgemusterte Stücke auf, um diese dann wieder in Teilen oder Gänze anderen Einheiten weiterzuverkaufen. Regiments-Schlosser verbauten abgenutzte, minderwertige oder einfach die Ersatz-Teile, die gerade vorrätig waren. Letztendlich wiesen die Soldaten Musketen vor, bei denen Schlösser fehlten oder das Zündloch verdeckten. Die meisten Läufe der Mannschafts-Gewehre, die in der Regel billig, dazu häufig nachlässig -, unter Verwendung minderwertigen Materials und somit für die täglichen Beanspruchungen unzulänglich gefertigt wurden, waren durch die in die Mündung eingesteckten Bajonette -, durch die Benutzung der - sofern möglich - eisernen Lade-Stöcke und durch das ständige Putzen nicht mehr funktionssicher...

Kurfürst Friedrich August, der in repräsentativen Belangen dem pompösen Stil des französischen "Sonnenkönigs" Ludwig XIV. nachzueifern suchte, kopierte in militärischen Angelegenheiten die benachbarten Brandenburger. Und diese hatten innerhalb weniger Jahre in Potsdam eine "Gewehr-Fabrique" errichtet, die inzwischen robuste Stücke von relativ guter Qualität fertigte und den Bedarf der preußischen Armee deckte. Was lag da näher, als die bestehenden Manufakturen in Suhl mit der Produktion einer eigenen und vor allem einheitlichen Serie von Hand-Feuer-Waffen zu beauftragen, zumal die ansässigen Betriebe bereits seit Jahren für Österreich Gewehre fertigten, die dort als "Commiss- oder Ordinäre Flinte M 1722" zur regulären Bewaffnung an die Infanterie -, in leicht kürzerer Version auch an die Dragoner ausgegeben wurden. Ein Muster dieses Gewehrs, das wiederum nach Vorbild des französischen "Fusil de Chasse de Tulle, Modèle de 1717" hergestellt wurde, legte der Suhler Milizfaktor (Waffen-Händler) Johann Gabriel Friderici seinem Kurfürsten wohl im Rahmen dieser Revision vor, denn mit Reskript vom 28. September 1728 orderte der Kurfürst für die Infanterie 12.160 Flinten samt Dillen-Bajonett und Scheide und bestimmte das "Suhler Muster" zum Standard-Gewehr der sächsischen Armee. Darüber hinaus wurden für die Kavallerie 5.148 Karabiner, dazu 6.391 Paar Pistolen, 13.220 Degen und 20.416 Schweinsfedern bestellt. Sämtliche Waffen sollten anlässlich der bevorstehenden Truppen-Schau im "Zeithainer Lager" (siehe dazu externer Link WIKIPEDIA), geplant für den Sommer 1730, eingeführt bzw. ausgegeben (und damit fertig gestellt) werden.

Mit der Auftrags-Abwicklung wurde Milizfaktor Friderici beauftragt, der am 22. November 1728 einen Vertrag zur Lieferung zum Ende des Jahres 1729 unterzeichnete. Als Stück-Preis für die neuen Infanterie-Gewehre wurde ein Endgeld von fünf Talern und sechs Groschen vereinbart, eine weitere Verfügung verbot einstweilig die Fertigung des Modells für das Ausland und den Export. Hingegen musste der mit der Auftrags-Überwachung beauftragte Oberstleutnant von Wüster seinem Kurfürsten am 18. Mai 1729 melden, dass die Rohr-Schmiede lediglich in der Lage sein, monatlich etwas mehr als zweitausend Läufe aller Art -, die Schlosser knapp eintausend-zweihundert Schlösser und die Schäfter nur rund eintausend-fünfhundert Schäfte liefern zu können. Um die Armee noch frist-gerecht bewaffnen zu können, sah man sich gezwungen, erneut wieder Schmieden im Ausland zu beauftragen, was zum Ergebnis führte, dass "an den bisher gelieferten 1.350 Flinten die Kaliber nicht gleich (waren), ... die Läufe seien im Innern fast alle fehlerhaft, die Schrauben im Schlosse nicht durchgängig gehärtet, die Schäfte teilweise mit Leinwand ausgeleimt, auch sprängen die Ladestöcke beim Biegen nicht alle wieder gerade... ". Und als darüber hinaus noch Meldungen bekannt wurden, dass Läufe beim Beschuss gesprungen sein, erhielt von Wüster am 15. Juli 1729 den Befehl, die von ihm persönlich geprüften Läufe zusätzlich zu den Suhler Innungs-Marken schloss-gegenseitig mit den Initialen "AR" (Augustus Rex) kennzeichnen zu lassen.

Im "Zeithainer Lust-Lager", gehalten vom 31. Mai bis zum 28. Juni 1730, marschierte die gesamte sächsische Armee nicht nur in neuen Uniformen auf, sondern konnte auch komplett mit neuen Waffen glänzen (wobei diese der Quelle nach "auch nicht allenthalben den gerechten Anforderungen entsprachen").


~

Für ein originales Gewehr-Modell von 1729 konnten bislang nur unsichere oder sich widersprechende Quellen ausgemacht werden. Somit beschreiben die nachfolgenden Angaben die überwiegend in Suhl gefertigte österreichische "Commiss-Flinte M 1722", die den Quellen nach baugleich mit der sächsischen Version war.
Die folgenden Angaben sind Orientierungs-Werte, die je nach Einzel-Stück erheblich schwanken können (Angaben in Klammern benennen entweder Mittel-Werte verfügbarer Exponate oder beschreiben explizit das hier vorgestellte Beispiel). Die angeführten alten Maß-Angaben sind im Eintrag Maße und Einheiten erklärt...
Hersteller-Angaben
Entwickler: Frankreich
Hersteller (Manufakturen): "Suhler Innungen"
Hersteller (Gravuren): "AR", "Suhler Henne" sowie bspw. Prägung "SK", "SVL" u.a.
Produktionszeit: 1729 (1722) bis 1744
produzierte Stückzahl: keine Angaben
Verbreitung: sächsische Herzogtümer, Polen, Österreich

Kategorisierung (allg.): siehe Muskete

Segmentierung
Gruppe: Vorder-Lader
Bereich: Nahbereichs-Waffe
Reichweite (effektiv): 75 bis 150 m (max. 300 m)
Sektion: glattläufige, flintenartige (Gewehre)
Art: Muskete
System: Steinschloss-Zünder
Kadenz: 2 bis 3 Schuss pro Minute
Typ: Infanterie-Gewehr
Modell: M 1729

technische Angaben
Gesamt-Länge: ca. 60,0 österr. Zoll (1.579 mm)
Lauf-Länge: ca. 45,0 österr. Zoll (1.186 mm)
Lauf-Befestigung: Stifte
Kaliber: ca. 0,74 leipz. Zoll
(s.g. "Normal-Kaliber"; ca. 17,7 mm)
Schlossblech-Länge: 173 mm
Schaft: Nussbaum
Kimme: "eingesohltes Absehen" auf der Schwanz-Schraube
Korn (Messing): Visier-Korn etwa 4 cm hinter der Mündung
Gewicht: ca. 4.580 g

Ansichts-Exemplare
Sammlung: Empfehlung gesucht


Schloss M/1729
Detail-Ansicht: Typisches Suhler "Schwanenhals"-Steinschloss an einer ab 1729 gefertigten Muskete



... zu den lokaler Link königlich-sächsischen Feuer-Waffen (nach 1806 bis 1870)


... zurück zur Übersicht sächsische Feuer-Waffen


... zurück zum KOMPENDIUM der Waffenkunde - Verzeichnis


Infanterie-Gewehr M 1744

Hand-Feuer-Waffen aus der Gruppe der flinten-artigen Vorder-Lader, Art der Musketen, mit Steinschloss-Zündung. Der Ersatz für die im Jahr 1729/30 an die Infanterie verausgabten Musketen, die sich im gefechts-mäßigen Einsatz im Rahmen der Kriege um Schlesien mehrheitlich als unbrauchbar bzw. unzuverlässig erwiesen hatten.

Infanteriegewehr M 1744
Abbildung des Modells von 1744 (Bearbeitung; Quelle: "Bron strzelecka wojsk polskich w latach 1717 – 1945" [Kleinwaffen der polnischen Armee in den Jahren 1717 - 1945]; Autor: Marian Maciejewski, Szczecin 1991). Offensichtlich die deutliche Ähnlichkeit mit den preussischen Infanterie-Gewehren aus der Zeit der Schlesischen Kriege.


Vorläufer:
lokaler Link Infanterie-Gewehr Modell 1729
Nachfolger:
lokaler Link Infanterie-Gewehr Modell 1766

Ende des Jahres 1744 – und somit direkt nach der für Sachsen verlorenen Schlacht von Kesselsdorf (15. Dezember 1744; siehe dazu externer Link WIKIPEDIA), in der die sächsischen Armee über zehn Prozent ihrer Angehörigen und große Mengen an Waffen aller Art verloren hatte – sah sich das "Geheime Kriegskollegium" zu Dresden gezwungen, schnellst-möglich die Reorganisation der zerschlagenen Armee zu organisieren und den Ersatz verlorener, beschädigter oder allgemein unbrauchbarer Waffen zu beraten.

Bereits in einem Bericht vom 30. November 1741 – und somit direkt nach dem Kriegs-Eintritt Sachsens auf Seiten der preussischen Armee im Rahmen der Kriege um Schlesien - beklagten insbesondere die Kommandeure der Infanterie-Regimenter die außerordentlich schlechte Qualität der im Jahr 1729/30 übereilt gefertigten und oftmals unter Hinnahme einer Vielzahl offensichtlicher Unzulänglichkeiten verausgabten Musketen, die darüber hinaus "durch das eingeführte spiegelblanke Putzen ... nicht mehr tüchtig zum Gebrauch sein". Auch verweist der Bericht auf die Vorteile des preussischen Infanterie-Gewehrs M 1723/40, dass durch die im Jahr 1740 befohlenen Kürzungen von Lauf und Schaft nicht nur erheblich leichter gemacht wurde sondern auch messbar schneller geladen werden konnte. Darüber hinaus würde das "messigne Mutterlein" am Lade-Stock häufig abbrechen – der Lade-Stock selbst dann oftmals im Lauf stecken bleiben –, eine am Schloss angebrachte Haken-Sicherung, die den Hahn zwischen der Ruhe- und Spannrast-Position fixiert, sei für das "Geschwindschiessen" (siehe dazu Peloton-Feuer) hinderlich, in vielen Fällen sein die Läufe gerissenen oder geplatzt, auch würden die Bajonette nicht fest auf den Läufen sitzen. Größter Mangel war jedoch der Umstand, dass unzählige Gewehre mit den empfangenen Kugeln "von denen 16 auf das Pfund gingen" (was rechnerisch ca. 18mm wären), nicht geladen werden konnten, was im Umstand Begründung findet, dass die 29er Gewehre aufgrund der kurzfristigen Liefer-Termine von einer Vielzahl in- und ausländischer Büchsenmacher hergestellt wurden und diese entweder mit dem Wirrwarr bestehender Maß-Einheiten überfordert waren, das s.g. "Suhler Normal-Kaliber" von 0,74 Dresdner Zoll (ca. 17,5 mm) übernommen oder die Vorgaben einfach ignorierten hatten.

Im Ergebnis all dieser Mängel wurde vermutlich noch im Jahr 1741 das Muster eines neuen Gewehrs für die Infanterie erprobt. Auch wurde die Herstellung von jährlich eintausend-zweihundert neuen Gewehren und zweihundert Karabinern "auf Vorrat" vorgeschlagen, mit denen die Armee zu einem nicht weiter bestimmten Zeitpunkt bewaffnet werden sollte. Ob diese Gewehre und Karabiner schon identisch mit den Stücken waren, die ab 1744/45 zur Einführung kamen, ist strittig. Sehr wahrscheinlich ist jedoch die These, dass das ab 1744 verausgabte Infanterie-Gewehr in Anlehnung an das o.g. preussische Infanterie-Gewehr produziert wurde.

Das neue Gewehr war im Vergleich zu den Maßgaben des Modells von 1729 der Quelle nach um vier (im Vergleich zur österreichischen Version um drei) Zoll kürzer, nunmehr seriell mit einem "im Ganzen geschmiedeten" eisernen Lade-Stock mit konischem Kopf ausgestattet und von vornherein auf ein größeres Kaliber ausgelegt, womit die Verwendbarkeit vorhandener Munitions-Bestände aller möglichen kleineren Kugel-Durchmesser gewährleistet werden sollte.

Im Jahr 1745 wurden über den Milizfaktor Friderici genau "4.344 Flinten mit Zubehör" in Suhl bestellt. Der deutlich höhere Verkaufs-Preis von genau fünf Talern pro Stück wurde mit dem erheblichen Mehr-Aufwand begründet, der mit der Fertigung von halbrunden (gewölbten) Schloss-Blechen entstehen würde, deren Montage an den hölzernen Schäften "wegen der Schräubchen" auch weitaus mühsamer wäre.

Der Rede nach hatten sämtliche sächsischen Infanterie-Regimenter bis zum Jahr 1749 das neue Modell erhalten. Dass heute kaum originale Stücke vorhanden sind, dürfte in der Kapitulation von Pirna (16. Oktober 1756; siehe dazu externer Link WIKIPEDIA) Begründung finden, in deren Folge die gesamte sächsische Armee ihre Waffen "strecken" musste. Annehmbar ist es, dass die in die preussische Armee eingereihten Einheiten ihre Waffen zurückerhielten, doch desertierten die Sachsen "bei jeder sich bietenden Gelegenheit" in die Reichs-Armee und wurden dort sehr wahrscheinlich mit österreichischen Waffen ausgerüstet, etwa zehn-tausend Mann erhielten auf Vermittlung Österreichs Sold und Waffen - überwiegend hannoversche und hessische Beute-Stücke - von der der französischen Armee.

~

Bislang konnte kein originales Gewehr-Modell von 1744 ausgemacht werden; die folgenden Angaben sind unbestätigt:
Hersteller-Angaben
Entwickler: Sachsen
Hersteller (Manufakturen): "Suhler Innungen"
Hersteller (Gravuren): keine Angaben
Produktionszeit: 1744 bis 1766
produzierte Stückzahl: keine Angaben
Verbreitung: sächsische Herzogtümer, Polen

Kategorisierung (allg.): siehe Muskete

Segmentierung
Gruppe: Vorder-Lader
Bereich: Nahbereichs-Waffe
Reichweite (effektiv): 75 bis 150 m (max. 300 m)
Sektion: glattläufige, flintenartige (Gewehre)
Art: Muskete
System: Steinschloss-Zünder
Kadenz: 2 bis 3 Schuss pro Minute
Typ: Infanterie-Gewehr
Modell: M 1744

technische Angaben
Quelle: "Bron strzelecka wojsk polskich w latach 1717 – 1945" (Kleinwaffen der polnischen Armee in den Jahren 1717 - 1945); Marian Maciejewski, Szczecin 1991
Gesamt-Länge: 1.520 mm
Lauf-Länge: 1.120 mm
Lauf-Befestigung: Stifte
Kaliber: ca. 18,3 bis 18,6 mm
Kugel-Durchmesser: 17.65 mm
Schlossblech-Länge: keine Angaben
Schaft: Nussbaum
Kimme: keine Angaben
Korn: Visier-Korn etwa 10 cm hinter der Mündung
Gewicht: ca. 5.1 kg

Ansichts-Exemplare
Sammlung: Empfehlung gesucht


Abbildung gesucht
Komplett- und Detail-Ansichten gesucht...

Wir sind dankbar für jede Abbildung zum Thema. Ausgesprochen dankbar sind wir Ihnen, so Sie uns (soweit möglich bzw. bekannt) die Bild-Quelle und sämtliche relevanten Angaben (Ausstellungs-Ort, Maße, ggfs. Gewicht etc.) übermitteln könnten. Gern benennen wir Sie an dieser Stelle auch namentlich als Rechte-Inhaber bzw. Unterstützer dieses Projekts.


... zu den lokaler Link königlich-sächsischen Feuer-Waffen (nach 1806 bis 1870)


... zurück zur Übersicht sächsische Feuer-Waffen


... zurück zum KOMPENDIUM der Waffenkunde - Verzeichnis


Infanterie-Gewehr M 1766

Hand-Feuer-Waffen aus der Gruppe der flinten-artigen Vorder-Lader, Art der Musketen, mit Steinschloss-Zündung. Der "schnelle" Ersatz für die am 15. Oktober 1756 vor der preussischen Armee niedergelegten Waffen.

Keine Abbildung verfügbar...


Vorläufer:
lokaler Link Infanterie-Gewehr Modell 1744
Nachfolger:
lokaler Link Infanterie-Gewehr Modell 1778

Mit der Kapitulation von Pirna am 15. Oktober 1756 (siehe dazu externer Link WIKIPEDIA) schied die sächsische Armee gleich zu Beginn des Siebenjährigen Krieges als geschlossener Verband aus dem weiteren Geschehen aus. Die etwa achtzehn-tausend Mann starke Armee wurde entwaffnet und praktisch aufgelöst. Die Mannschaften wurden in brandenburgisch-schlesischen Orten garnisoniert, bald darauf in die preussische Armee eingereiht, aus der sie jedoch zu Tausenden desertierten und sich in Böhmen bzw. Ungarn sammelten. Auf Vermittlung Österreichs traten schließlich etwa zehn-tausend Sachsen in den Sold der französischen Armee, die die Soldaten schließlich mit hannoverschen und hessischen Beute-Stücken ausgerüstet hat.

Nach dem Frieden von Hubertusburg, geschlossen am 15. Februar 1763 (siehe dazu externer Link WIKIPEDIA), und der Rückkehr der sächsischen Soldaten in den kurfürstlichen Dienst sah sich das "Geheime Kriegskollegium zu Dresden" aufs Neue gezwungen, Maßnahmen zur Reorganisation und zur einheitlichen Neubewaffnung der Armee zu beraten. Infolge der preussischen Besatzung waren jedoch die Arsenale in den Festungen, das Zeughaus zu Dresden (siehe dazu externer Link WIKIPEDIA) und sämtliche Regiments-Depots beräumt, die erbeutete Feld- und Festungs-Artillerie eingeschmolzen, die verbliebenen Waffen- und Munitions-Bestände größtenteils veraltet oder unbrauchbar und die mitgebrachten hannoverschen und hessischen Gewehre wurden als zu schwer und infolge des Gebrauchs auch als verschlissen bzw. "verschmandet" beurteilt.

In einer Beratung am 23. Oktober 1764 wurde der Gesamt-Bedarf für eine Erst-Ausstattung detailliert erfasst: Allein an Feuer-Waffen fehlten insgesamt 14.821 Musketen, 12.273 Karabiner, 13.121 Pistolen, für die schnellst-möglich Ersatz geschaffen werden sollte. Mit Vertrag vom 12. November 1764 sollten bis zum 29. September 1766 - und somit innerhalb von knapp zwei Jahren - für die Infanterie 9.584 Gewehre mit Bajonett -, für die Kavallerie 1.686 Karabiner, 1.538 Paar Pistolen und 204 Büchsen gefertigt werden. Beauftragt wurden die alteingesessenen Suhler Fabrikaten-Familien Spangenberg (Johann Wilhelm Spangenberg; 1722 – 1795), die Erben der Gebrüder Bössel (Johann Stephan 1687 – 1744 und Johann Christoph ???? - 1763), die Gebrüder Sauer (Lorenz; 1702 – 1779 und Johann Thomas; 1708 – 1764) sowie Johann Jakob Berg (Daten unbekannt) und Martin Heyms Witwe in Vormundschaft ihres Sohnes Johann Nicolaus.

Im Zeit-Raum von 1764 bis 1773 wurden insgesamt 22.494 Flinten mit Bajonett dieses Typs gefertigt bzw. abgenommen, die an die Infanterie und wahrscheinlich auch an die Dragoner gingen.


Abbildungen oder Darstellungen eines originalen Stückes konnten bislang nicht ausgemacht werden. Da die sächsischen Gewehre jedoch bis dahin nach Vorbild der s.g. österreichischen "Commiss"-Stücke gefertigt wurden, kann davon ausgegangen werden, dass das hier beschriebene Modell der "Ordinären Commiss-Flinte M 1754" sehr ähnlich war. Diese These wird durch den Fakt unterstützt, dass die Lauf-Befestigung der österreichischen Modelle schon sehr früh mittels Lauf-Ringen erfolgte (siehe dazu "Ordinäre Füsilier-Flinte M 1745"), insbesondere das 1754er Modell - exklusive des Oberbundes - über die ungewöhnliche Anzahl von drei Stück dieser Art verfügte, die wiederum in der Beschreibung des sächsischen Gewehrs explizit herausgestellt werden.


Ordinäres Commiss-Gewehr M 1754
Abbildung einer etwa 151 cm langen österreichischen "Ordinären Commiss-Flinte M 1754", die sehr wahrscheinlich als Vorlage für das sächsische Modell von 1766 diente.
(Bearbeitung, Quelle: ► "Karlstädter Grenz-Infanterie" [tschechisch])

~

ausgemachte Angaben (unbestätigt)
Kaliber: 18,6 mm
Kugel-Durchmesser: 17,65 mm
Lauf-Befestigung: 1 eiserner Oberbund und 3 eiserne Lauf-Ringe mit Bund-Federn (dadurch keine Ladestock-Röhrchen)
Gewicht: 10,5 Pfund (s.g. "Krämer-Gewicht": ca. 5 kg)

Ansichts-Exemplare
Sammlung: Empfehlung gesucht


Abbildung gesucht
Komplett- und Detail-Ansichten gesucht...

Wir sind dankbar für jede Abbildung zum Thema. Ausgesprochen dankbar sind wir Ihnen, so Sie uns (soweit möglich bzw. bekannt) die Bild-Quelle und sämtliche relevanten Angaben (Ausstellungs-Ort, Maße, ggfs. Gewicht etc.) übermitteln könnten. Gern benennen wir Sie an dieser Stelle auch namentlich als Rechte-Inhaber bzw. Unterstützer dieses Projekts.


... zu den lokaler Link königlich-sächsischen Feuer-Waffen (nach 1806 bis 1870)


... zurück zur Übersicht sächsische Feuer-Waffen


... zurück zum KOMPENDIUM der Waffenkunde - Verzeichnis


Infanterie-Gewehr M 1778 (... auch "Alt-Suhler" Gewehr genannt)

Hand-Feuer-Waffen aus der Gruppe der flinten-artigen Vorder-Lader, Art der Musketen, mit Steinschloss-Zündung. Ein Gewehr für die sächsische Infanterie, dass die Vorzüge des lokaler Link Vorgänger-Modells von 1766 mit einer Reihe von Innovationen kombinierte, die sich zwischen-zeitlich in den europäischen Armeen durchgesetzt hatten und augenscheinlich auch als Vorlage der österreichischen Infanterie-Gewehre ab 1784 diente.

Altsuhler Infanteriegewehr M 1778
Abbildung des Modells von 1778 (Bearbeitung; Quelle: "Zeitschrift für historische Waffenkunde – Die Handfeuerwaffen der sächsischen Armee", Oberst a.D. Carl Moritz Thierbach [1825 – 1906], Heft 5, Dresden, 1904). Dieses Gewehr wurde von der sächsischen Linien-Infanterie in den s.g. Koalitions-Kriegen geführt.


Vorläufer:
lokaler Link Infanterie-Gewehr Modell 1766
Nachfolger:
lokaler Link Infanterie-Gewehr Modell 1809

Betrachtet man die Entwicklung der Muskete aus technischer Sicht, gab es in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts – abgesehen von der Einführung des eisernen Lade-Stocks – nur wenige Neuerungen, die europaweit Beachtung bzw. unter innovativen Aspekten dadurch Anerkennung gefunden haben, dass sie auf Grund offensichtlicher oder gar messbarer Verbesserungen alsbald von anderen Herstellern kopiert wurden. Dieses Phänomen begründet sich einerseits in dem Umstand, dass die namhaften europäischen Büchsenmacher in der Regel nach den Vorgaben ihrer Auftraggeber arbeiteten, die in den meisten Fällen Waffen-Muster vorlegten, die zum aktuellen Zeitpunkt von einer verbündeten oder gerade siegreichen Partei geführt wurden (und somit eine gewisse Aura der "Überlegenheit" ausstrahlten), andererseits in den familiären Bindungen der europäischen Büchsenmacher, die häufig länder-übergreifende Kooperationen gebildet hatten, die wiederum Waffen fertigten, die einander sehr ähnlich waren.

Somit scheint es auf den ersten Eindruck rätselhaft, warum die sächsische Rüstungs-Kommission, die Ende des Jahres 1774 unter Vorsitz von Wolf Caspar Abraham von Gersdorff (1704 – 1784; sächsischer General und "Wirklicher Geheimer Kriegsrat") zusammengetreten war um Details für ein neues Gewehr-Modell abzustimmen, für ihre vergleichenden Untersuchungen ausgerechnet auf eine dänische und eine holländische Militär-Flinte zurückgriff. Die wahrscheinlichste Erklärung liefert ein Blick auf Gersdorffs Umfeld, dessen Familien-Mitglieder europaweit in einflussreichen militärischen oder diplomatischen Positionen tätig waren und die nach allgemein üblicher Praxis neben Nachrichten nach Möglichkeit auch Muster aktueller Waren, Uniformen und Waffen in die Heimat schickten (bsph. genannt sein hier: Nikolaus Maximilian von Gersdorff [1725 – 1802; General der Infanterie und Gouverneur von Kopenhagen], Johann Wilhelm [1707 – ????; Sohn des sächsischen Gesandten in den Vereinigten Niederlanden], Christoph Leopold [1710 – 1777; ehem. kaiserlicher General-Kriegskommissar in Schlesien], Otto Ernst Heinrich [1710 – 1773; preussischer Generalmajor], Friedrich Alexander [1738-1790; Sohn des sächsischen Gesandten am russischen Hof]).

Im Ergebnis der zwei-jährigen Versuche legte die Kommission im Jahr 1776 schließlich ein neues Gewehr-Muster vor, dass wieder auf das kleinere Kaliber von etwa 17,2 mm (18 Kugeln auf das Pfund Blei) zurückgeführt worden war, wobei dem Lauf für eventuell später notwendig werdende Weitungen (Aufbohrungen infolge von Verschleiß) eine etwas größere Rohr-Stärke gegeben werden sollte. Neu und nach holländischem Vorbild ein halbkreisförmiges "Regen-Dach" über dem Zünd-Loch; das Schloss mit einer "Wasser-Pfanne", das mittels akanthus-artiger Einkerbungen "die Feuchtigkeit von dem Pfanntroge und somit vom Zündkraut ableiten sollte"; das Gewinde der vorderen Schloss-Schraube nach dänischem Beispiel hervor ragend bzw. warzen-artig verlängert. Beibehalten wurde der typische "Schwanenhals" des Hahns und die Befestigung des hinteren Riemen-Bügels am Abzugs-Bügel.

Der stählerne Lade-Stock preussisch und damit anfänglich zylindrisch, jedoch zur Reduzierung des Gewichts (19 sächsische Lot; ca. 280 g) bald mittig reduziert; zur Fixierung im Oberbund und in den (nunmehr nur noch zwei) eisernen Lauf-Ringen Feder-Halterungen; wobei alle sonstigen Garnituren aus Messing gefertigt waren. Das Visier-Korn auf dem Oberbund, wobei dieser und der folgende Lauf-Ring mit Bund-Federn am Schaft fixiert wurden. Der Schaft selbst aus Nussbaum; der Kolben um ein ganzes sächsisches Zoll länger als der Vorläufer, von dem auch die beiden Warzen für den dreifach abgewinkelten Gang zur Arretierung der Bajonett-Dille samt der dort innenseitig integrierten Halte-Feder übernommen wurde (wobei ein vom 20. November 1775 datierter Vorschlag, der die Verwendung des Lade-Stocks als Bajonett vorschlug, schnell verworfen wurde).

Nach weiteren zwei Jahren der Prüfung erging am 19. Juni 1778 schließlich an die Suhler Fabrikation Johann Wilhelm Spangenberg (1722 – 1795) der Auftrag, innerhalb von zwei Jahren insgesamt 15.000 Gewehre für die Infanterie zu produzieren. Als Stück-Preis wurden sechs Taler und sechs Groschen vereinbart. Ein weiterer Kontrakt wurde mit der in Olbernhau ansässigen Büchsenmacher-Werkstatt von Christian Friedrich Klaffenbach geschlossen, der beauftragt wurde, nach Möglichkeit rund eintausend Gewehre des Modells von 1766 auf neuen Standard umzuarbeiten. 1782 erhielt Spangenberg (der inzwischen mit seinem größten Konkurrenten, Johann Matthäus Anschütz [1745 – 1802], Freundschaft geschlossen hatte und mit diesem eng kooperierte) dann vom General-Hauptquartier zu Dresden einen weiteren Auftrag zur Herstellung von noch einmal 12.824 Musketen, die innerhalb von zehn Jahren gefertigt und als Reserve und Ersatz im Dresdener Zeughaus (siehe dazu externer Link WIKIPEDIA) deponiert werden sollten.

Nach heftigen Diskussionen bzgl. der eigentlichen Technik des Schießens, insbesondere unter dem Streit-Punkt, dass eine schnellere Schuss-Folge mit einem gesteigerten Munitions-Verbrauch einhergeht und in der Regel von einem Abfall der Treffer-Quote begleitet wird, wurden – allen konservativen und auf Wirtschaftlichkeit bedachten Argumenten entgegen – die Zünd-Löcher sämtlicher Gewehre mit Wirkung vom 24. Dezember 1785 auf die konische (selbst-aufschüttende) Form umgearbeitet. Von dieser Modifikation versprach man sich in der Theorie eine Steigerung der Feuer-Kadenz von drei auf sechs bis acht Schuss im s.g. "Geschwind-Schießen" (siehe dazu Salven-Feuer), was von den Mannschaften in der Praxis jedoch nur wenige Minuten durchzuhalten war und mit dem Effekt einherging, dass die Schuss-Folge zwar gesteigert werden konnte, die Treffer-Quote aber tatsächlich erheblich abfiel, da die Schützen die Gewehre beim schnellen Anlegen und Feuern zunehmend verrissen (ein Effekt, dem erst durch das regelmäßige Exerzieren des Scharfen Schusses auf eine Scheiben-Wand entgegengewirkt werden konnte, was jedoch den Munitions-Verbrauch noch weiter erhöhte).

Mit der Einführung des lokaler Link Nachfolge-Modells M 1809 erhielt dieses Gewehr die allgemein bekannte Bezeichnung "Alt-Suhler" Gewehr.

~

Für ein originales Gewehr-Modell von 1778 konnten bislang nur unsichere oder sich widersprechende Quellen ausgemacht werden. Die folgenden Angaben sind Orientierungs-Werte, die je nach Einzel-Stück erheblich schwanken können (Angaben in Klammern benennen entweder Mittel-Werte verfügbarer Exponate oder beschreiben explizit das hier vorgestellte Beispiel). Die angeführten alten Maß-Angaben sind im Eintrag interner Link Maße und Einheiten erklärt...
Hersteller-Angaben
Entwickler: Sachsen
Hersteller (Manufakturen): "Suhler Innungen"
Hersteller (Gravuren): "KF" für Christian Friedrich Klaffenbach
Produktionszeit: 1778 bis 1809
produzierte Stückzahl: keine Angaben
Verbreitung: sächsische Herzogtümer

Kategorisierung (allg.): siehe Muskete

Segmentierung
Gruppe: Vorder-Lader
Bereich: Nahbereichs-Waffe
Reichweite (effektiv): 75 bis 150 m (max. 300 m)
Sektion: glattläufige, flintenartige (Gewehre)
Art: Muskete
System: Steinschloss-Zünder
Kadenz: 4 bis 5 Schuss pro Minute
6 bis 8 Schuss im "Geschwind-Feuer"
Typ: Infanterie-Gewehr
Modell: M 1778

technische Angaben
Quelle: "Die Handfeuerwaffen der sächsischen Armee", Oberst a.D. Carl Moritz Thierbach ("Zeitschrift für hist. Waffenkunde" Heft 5, Dresden, 1904)
Gesamt-Länge: 62 sächsische Zoll (1.445,5 – 1.447,5 mm)
Lauf-Länge: 45 sächsische Zoll (1.062,0 – 1.068,5 mm)
Lauf-Befestigung: 1 eiserner Oberbund und 2 eiserne Lauf-Ringe
Kaliber: ca. 0,74 leipz. Zoll
(s.g. "Normal-Kaliber"; ca. 17,5 - 17,7 mm)
Pulver-Ladung: 0,75 sächsisches Loth (ca. 10,9 g)
Schlossblech-Länge: keine Angaben
Schaft: Nussbaum
Kimme: keine Angaben
Korn (Messing): Visier-Korn auf Oberbund
Gewicht: 4.900 g – 5.050 g

Ansichts-Exemplare
Sammlung: Empfehlung gesucht


Abbildung gesucht
Komplett- und Detail-Ansichten gesucht...

Wir sind dankbar für jede Abbildung zum Thema. Ausgesprochen dankbar sind wir Ihnen, so Sie uns (soweit möglich bzw. bekannt) die Bild-Quelle und sämtliche relevanten Angaben (Ausstellungs-Ort, Maße, ggfs. Gewicht etc.) übermitteln könnten. Gern benennen wir Sie an dieser Stelle auch namentlich als Rechte-Inhaber bzw. Unterstützer dieses Projekts.


... zu den lokaler Link königlich-sächsischen Feuer-Waffen (nach 1806 bis 1870)


... zurück zur Übersicht sächsische Feuer-Waffen


... zurück zum KOMPENDIUM der Waffenkunde - Verzeichnis


Hand-Feuer-Waffen "Sachsen" (königlich-sächsische, von 1806 bis 1873)


... zu den kurfürstlich-sächsische Feuer-Waffen (von 1700 bis 1806)


... zurück zur Übersicht sächsische Feuer-Waffen

Infanterie-Gewehr M 1809 (... auch "Neu-Suhler" Gewehr genannt)

Hand-Feuer-Waffen aus der Gruppe der flinten-artigen Vorder-Lader, Art der Musketen, mit Steinschloss-Zündung. Das qualitativ wohl umstrittenste Gewehr aus Suhler Produktion, mit dem die im Jahr 1809 formierten Schützen sowie die Grenadiere der Garde und der Linien-Infanterie bewaffnet wurden.

Infanteriegewehr vor 1809
Außergewöhnlich gut erhaltenes Modell mit dem überlangen Original-Bajonett (Quelle: private Sammlung in Böhmen). Zweifelhaft ist die seltsame Form des aufgelöteten Ladestock-Kopfes, der eigentlich zylindrisch sein sollte: Das hier darunter liegende Innen-Gewinde war der Beschreibung nach dafür vorgesehen, das Aufschrauben von Krätzer oder Kugelzieher zu ermöglichen.


Vorläufer:
lokaler Link Infanterie-Gewehr Modell 1778
Nachfolger (Ersatz):
lokaler Link Infanterie-Gewehr Modell 1811

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – insbesondere nach den Erfolgen der leichten Infanterie der s.g. "Continental Army" (siehe dazu US-Army) im Kampf gegen die britische Armee – errichteten nach und nach beinahe sämtliche Armeen Europas kleinere Einheiten, in der die besten Schützen des jeweiligen Regiments gesammelt wurden. Ähnlich den mit Büchsen bewaffneten Jägern, die in der Regel jedoch nur im Kriegs-Fall zu einer regulären militärischen Einheit zusammengefasst wurden, hatten diese Infanteristen bspw. die Aufgabe, die Flanken der eigenen Marsch-Ordnung zu decken oder im Vorposten- bzw. Plänkler-Gefecht den Marsch oder den Aufmarsch des Gegners zu einer Feld-Schlacht zu stören. Perfektioniert wurde diese Art des Schützen-Gefechts durch die "Tirailleurs" der französischen Revolutions-Armee.

Diese neue Taktik bekamen im Jahr 1793 erstmals auch die rund fünf-tausend Sachsen zu spüren, die gemäß der "Pillnitzer Deklaration" (siehe dazu externer Link WIKIPEDIA) dem Befehl des Generals Anton Franz Herrmann von Lindt (1730 – 1805) unterstellt worden waren, mit diesem im Korps des preussischen Generals Friedrich Adolf von Kalckreuth (1737 – 1818) in die Rhein-Kampagne und damit in den ersten Krieg der Koalition gegen das revolutionäre Frankreich zogen und u.a. in den Schlachten um Kaiserslautern kämpften (28. Bis 30. November 1793; siehe dazu externer Link WIKIPEDIA). Dem französischen Beispiel folgend, erließ das General-Kommando zu Dresden noch im Jahr 1793 der Befehl, die acht (ab 1804 zehn) talentiertesten Schützen jeder sächsischen Infanterie-Kompanie in einem Scharfschützen-Trupp zu sammeln, der dem Kommando eines Unteroffiziers unterstellt wurde. Ab 1804 erhielten diese s.g. "Regiments-Schützen" zwar eine besondere Ausbildung, aber weder wurden diese Trupps zu einer speziellen Einheit zusammengefasst, noch bekamen die Scharf-Schützen Hand-Feuer-Waffen ausgehändigt, die auch nur entfernt den Anforderungen eines Präzisions-Gewehrs der damaligen Zeit entsprachen. Und obwohl bislang keine Quelle ausgemacht werden konnte, die die Beauftragung bzw. die Entwicklung eines neuen Gewehrs für die leichte Infanterie dokumentiert, ist es sehr wahrscheinlich, dass die sächsische Rüstungs-Kommission spätestens ab dem Jahr 1805 erste Beratungen zur Einführung eines leichten Gewehrs aufnahm.

Für die These, dass das "Neu-Suhler" Gewehr nach Vorbild des preussischen "Nothardt-Gewehrs" entwickelt und gefertigt wurde, sprechen eine Vielzahl offensichtlicher und kleinerer Details, wie bspw. der überraschende Verzicht auf die 1766 eingeführten und seit dem verwendeten praktischen Ringe zur Lauf-Befestigung; die beinahe identische Form und Platzierung der Ladestock-Röhrchen; die Form des Kolbens sowie der Winkel des Kolben-Halses zum Schaft. Auch stellt sich die berechtigte Frage, aus welchen Gründen Sachsen plötzlich ebenfalls ein derart klein-kalibriges Gewehr einführt hat, so doch das seit Jahren bevorzugte "Suhler Normal-Kaliber" beinahe schon als Standard sächsischer Hand-Feuer-Waffen gelten konnte...

Einzig dem Werk "Geschichte der Königlich Sächsischen Leichten Infanterie - Von ihrer Errichtung bis zum 1. Oktober 1859" (Albrecht Graf von Holtzendorff, Leipzig 1860) ist zu entnehmen, dass ein mit Datum vom 23. Juli 1807 abgenommenes und bestätigtes "Neues Suhler Gewehr" ab dem Jahr 1808 zur Einführung kommen sollte. Dass die Produktion des neuen Gewehrs noch im Sommer des Jahres 1807 angelaufen sein muss, belegt ein vom 21. Oktober 1807 datierter Zwischen-Bericht, der eine ganze Reihe von Mängeln auflistete (u.a. zu schwache Schlag-Federn für die Schloss-Hähne, worauf es zu Versagern kam; die konischen Zünd-Löcher unsauber gearbeitet, somit schnell "verschleimend"; sowie diverse Mängel bei den Gewehr-Läufen). Belegt ist, dass die einzelnen Suhler Waffen-Fabriken mit der Herstellung von insgesamt dreitausend-vierhundert neuen Gewehren beauftragt worden waren. So fertigten die Partner "Spangenberg & Anschütz" (Wilhelm Gottlieb Spangenberg [1763 – 1827] und Heinrich Daniel Anschütz [1765 – 1829]) eintausend-vierhundert Gewehre, die gleiche Zahl war bei den Gebrüdern Georg Daniel (1733 – ????) und Johann Paul Sauer (1746 – 1833) bestellt; bei J.G. Sturm (keine Angaben) und Sohn (?) Wolfgang noch einmal sechshundert Stück.

Die fertig gestellten Stücke der ersten Serie wurden ab 1808 erst einmal im Zeughaus zu Dresden (siehe dazu externer Link WIKIPEDIA) gesammelt und von hier aus an die die rund eintausend-fünfhundert Soldaten der "Leib-Grenadier-Garde" ausgegeben. Gleichzeitig sollten auch die etwa eintausend-fünfhundert Scharf- (und einige der Reserve-) Schützen in den zwölf sächsischen Infanterie-Regimentern das neue Gewehr erhalten. Dort muss es jedoch einiges Durcheinander gegeben haben: Die Scharf-Schützen, die mit Reskript vom 18. Mai 1809 aus den Infanterie-Regimentern heraus- und zu zwei Schützen-Bataillonen zusammengezogen -, am 1. Oktober 1809 zum "1. Regiment Leichte Infanterie" vereinigt worden waren, konnten bei einer Besichtigung aus Anlass der Errichtung des "2. Regiments Leichte Infanterie" am 1. Mai 1810 bei einem Soll-Bestand von 1.552 neuen Gewehren lediglich 266 Stück vorweisen; dem zweiten Regiment fehlten 583 Exemplare des vorgesehenen Modells, die sehr wahrscheinlich als Reserve in den Depots der jeweiligen Regimenter eingelagert worden und dort verblieben waren. Zum Einsatz kamen die neuen Gewehre wohl erstmals im Vorfeld der Schlacht von Aspern (21./22. Mai 1809; siehe dazu externer Link WIKIPEDIA) bzw. im Verlauf der Kämpfe am Pöstlingberg bei Linz (18./19. Mai 1809; siehe dazu externer Link WIKIPEDIA), in denen u.a. auch die sächsischen Schützen zum Sturm auf die von der österreichischen Armee besetze Höhe heranbefohlen wurden.

Über die Qualität des Gewehrs liegen sehr unterschiedliche bzw. sich widersprechende Bewertungen vor: Geschildert wird einerseits, dass das neue Gewehr, das mit etwa acht sächsischen Pfund (ca. 3,75 kg) deutlich leichter als das nun als lokaler Link "Alt-Suhler Gewehr" bezeichnete Vorgänger-Modell war, zwar selten versagte und "viele wie Büchsen schossen", andererseits die Zünd-Löcher bereits nach dem zweiten oder dritten Schuss aufgrund von Verbrennungs-Rückständen nicht mehr aufschütten könnten; sich der Lauf im "andauernden Gefechte" jedoch in der Art erhitzten würde, dass sich das Gewehr schlecht halten und schwer laden ließe; dass die leichte Schäftung den Rückstoß beim Feuern nicht ausreichend abfangen könnte, und die Schieber, die den Lauf am Schaft arretierten, sich während des Feuerns lockern würden, was Verletzungen zur Folge hatte (zumal auch die Abschaffung der Lauf-Ringe bedauert wurde). Auch waren wohl infolge der Verwendung minderwertiger Materialien und "nachlässiger Arbeit" diverse Läufe gerissen und überhaupt sehr viele Nachbesserungen und Reparaturen erforderlich. Gründe, die wahrscheinlich letztendlich dazu geführt haben, dass ein im Jahr 1808 mit den o.g. Suhler Fabrikanten geschlossener Vertrag über die jährliche Fertigung von eintausend neuen Gewehren gekündigt und größtenteils an die seit 1690 tätige Olbernhauer Schmiede-Stätten vergeben wurde. Der hier ansässige Ritterguts-Pächter und Landwirt, Forscher, Publizist und Waffenhändler Johann Friedrich Schmalz (1781 – 1849), der bereits 1808 fünfhundert Gewehre neuen Modells "von vorzüglicher Qualität" geliefert hatte, übernahm große Teile der Produktion und brachte der bis dahin vernachlässigten, mehr mit Reparaturen oder Umbauten beschäftigten Rüstungsstätte den s.g. wirtschaftlichen Aufschwung (mit Reskript vom 29. Oktober 1819 wurde Schmalz der erste Vorsteher der von ihm gegründeten und organisierten Gewehr-Fabrik zu Olbernhau).

Die in Olbernhau gefertigten Waffen wurden mit großer Wahrscheinlichkeit ab 1810 an die Grenadiere der Linien-Infanterie ausgegeben. Die Musketiere behielten einstweilig das "Alt-Suhler Gewehr", das ab 1811 mit dem s.g. lokaler Link "Gewehr Wiener Facon" ergänzt wurde, womit in der Armee wieder drei Gewehre verbreitet waren.

Die unterschiedlichen Lauf- und damit in Abhängigkeit stehenden schwankenden Angaben der Gesamt-Längen heute erhaltener Stücke erklären sich überwiegend in dem Umstand, dass die Gewehre durch kriegs-mäßigen Gebrauch und das häufige Blank-Putzen in wenigen Jahren verschlissen: Die bei der Verbrennung von Schwarz-Pulver eintretenden chemischen Reaktionen – insbesondere die verbleibenden "sauren" Ablagerungen – führten im Bereich von Zünd-Loch und Mündung schnell zu Korrosionen, die man mittels Kratzer und Stahl-Wolle zu beseitigen suchte. In wenigen Jahren waren die Zünd-Löcher um das Doppelte geweitet; der Mündungs-Bereich dünn geschliffen. Und so die Büchsenmacher die Zünd-Löcher noch (provisorisch) verlöten konnten, blieb bei der Mündung nur die "lineare" bzw. "viertel- oder halb-zöllige" Kürzung (das Absägen kleinerer Ring-Stücke im Mündungs-Bereich).

In Prüfung und Anerkennung sämtlicher vorgenannter Mängel und angesichts der desolaten Staats-Kasse kam eine im Jahr 1818 unter General-Major August Wilhelm Ernst von Hake (1764 – 1842) eingesetzte Rüstungs-Kommission zur Empfehlung, die Schützen einstweilig oder bis auf weiteres mit erbeuteten Gewehren der französischen "Voltigeurs" zu bewaffnen (siehe dazu "Fusil de Dragon modèle 1777 modifiès An IX").


Sachsen: Schütze der leichten Infanterie um 1810
Schütze der im Jahr 1809 errichteten leichten Infanterie mit dem hier beschriebenen "Neu-Suhler" Gewehr-Modell.
Abbildung aus der Uniform-Serie "Königl. Sächsische Armee" von
Alexander Iwanowitsch Sauerweid
(Quelle: ► "napoleon-online" - Sachsen; Armee 1810)

~

Hersteller-Angaben
Entwickler: sehr wahrscheinlich Suhl
Hersteller (Manufakturen): Suhl und Olbernhau
Hersteller (Gravuren): keine Angaben
Produktionszeit: 1808 – 1818 (?)
produzierte Stückzahl: keine Angaben
Verbreitung: Sachsen

Kategorisierung (allg.): siehe Muskete

Segmentierung
Gruppe: Vorder-Lader
Bereich: Nahbereichs-Waffe
Reichweite (effektiv): 75 bis 150 m (max. 300 m)
Sektion: glattläufige, flintenartige (Gewehre)
Art: Muskete
System: Steinschloss-Zünder
Kadenz: 4 bis 5 Schuss pro Minute
6 bis 8 Schuss im "Geschwind-Feuer"
Typ: Infanterie-Gewehr
Modell: M 1809

technische Angaben
Quelle: "Die Handfeuerwaffen der sächsischen Armee", Oberst a.D. Carl Moritz Thierbach ("Zeitschrift für hist. Waffenkunde" Heft 5, Dresden, 1904)
Gesamt-Länge: 62 sächsische Zoll (1.465,0 mm)
Lauf-Länge: 46 sächsische Zoll (1.069,7 – 1.090,0 mm)
Kaliber: 16,52 mm (20 Kugeln auf das Pfund)
Pulver-Ladung: 0,75 sächsisches Loth (ca. 10,9 g)
Schlossblech-Länge: keine Angaben
Schaft: Nussbaum
Lauf-Befestigung: Stifte und Federn
Ladestock: zylindrisch
Ladestock-Befestigung: 4 Ladestock-Röhrchen
Garnituren: Kappe und Abzugsbügel aus Messing
Kimme: Visier-Kerbung bzw. "Treppen-Visier"
Korn: etwa 8 cm hinter der Mündung
Sonstiges: kein Pfannenschirm
Gewicht: 8 sächsische Pfund (3,36 kg – 3,75 kg)

Bajonett
Gesamt-Länge: 70 sächsische Zoll (705,0 mm)
Klingen-Länge: 27 sächsische Zoll (637,2 mm)
Bajonett-Befestigung: Warze, lauf-unterseitig
Gewehr mit Bajonett: ca. 200,2 cm

Ansichts-Exemplar
Sammlung: externer Link Deutsches Historisches Museum, Berlin
externer Link Deutsches Historisches Museum, Berlin


Schloss M/1809
Detail-Ansicht: Steinschloss einer Neu-Suhler Muskete M 1809
(Quelle: "Handfeuerwaffen", Jaroslav Lugs, Militärverlag der DDR, Berlin 1979)


Infanteriegewehr M 1809
Abbildung des Modells von 1809 (Bearbeitung; Quelle: "Zeitschrift für historische Waffenkunde – Die Handfeuerwaffen der sächsischen Armee", Oberst a.D. Carl Moritz Thierbach [1825 – 1906], Heft 5, Dresden, 1904).



... zu den lokaler Link kurfürstlich-sächsische Feuer-Waffen (von 1700 bis 1806)


... zurück zur Übersicht sächsische Feuer-Waffen


... zurück zum KOMPENDIUM der Waffenkunde - Verzeichnis


Infanterie-Gewehr M 1811 (... auch Gewehr "Wiener Facon" genannt)

Hand-Feuer-Waffen aus der Gruppe der flinten-artigen Vorder-Lader, Art der Musketen, mit Steinschloss-Zündung. Eine mehr oder weniger "provisorische" Waffe für die sächsischen Musketiere, die mit diesem Gewehr in den Russland-Feldzug von 1812 zogen (siehe dazu externer Link WIKIPEDIA).

Infanteriegewehr M 1811
Abbildung des Modells "Wiener Facon" (Bearbeitung; Quelle: "Zeitschrift für historische Waffenkunde – Die Handfeuerwaffen der sächsischen Armee", Oberst a.D. Carl Moritz Thierbach [1825 – 1906], Heft 5, Dresden, 1904). Bislang ungeklärt ist die tatsächliche Herkunft dieses Gewehrs: Ein umgearbeitetes österreichisches Modell oder ein von Suhl und Olbernhau für Österreich produzierter Re-Import?


Vorläufer:
lokaler Link Infanterie-Gewehr Modell 1809
Nachfolger (Muster):
Probe-Gewehr Modell 1826
Nachfolger:
Infanterie-Gewehr Modell 1835

Ende des Jahres 1806 hatte Kurfürst Friedrich August III. (1750 – 1827; auch bekannt als "der Gerechte") mit Napoleon einen Friedens- und Bündnis-Vertrag geschlossen, der es in sich hatte: Für die lang-ersehnte Erhebung zum Königreich trat der damit ebenfalls zum Monarchen beförderte Friedrich August als "König August der Erste von Sachsen" auf die Seite des französischen Kaisers; die sächsische Armee wurde ein Teil-Verband der Truppen des s.g. "Rheinbundes" und stand damit in der Pflicht, im Fall neuerlicher militärischer Auseinandersetzungen sich nunmehr der "Grande Armée" anschließen zu müssen.

Zum 1. Mai des Jahres 1810 war die Reorganisation der sächsischen Armee nach Vorbild der französischen Armee abgeschlossen. Im Rahmen der Umstrukturierung und Neugliederung in Divisionen und Brigaden sowie der Einführung neuer Uniformen in Anlehnung an den französischen Schnitt stellte sich für die sächsische Rüstungs-Kommission, die wohl Ende 1809 zusammengekommen war, auch die Frage, ob mit der Übernahme der standardisierten französischen Waffen endlich das seit beinahe einhundert Jahren angestrebte Ideal einer einheitlichen Bewaffnung erreicht werden könnte.

Die breite Masse der sächsischen Infanteristen – insbesondere die Musketiere – führten noch immer die relativ schweren lokaler Link "Alt-Suhler Gewehre". Die inzwischen über dreißig Jahre alten Musketen waren nicht nur durch das übermäßige Putzen mit Stahl-Wolle deutlich abgeschliffen, sondern hatten vor allem durch die Verwendung in den ersten Koalitions-Kriegen (Beteiligung an der Rhein-Kampagne von 1793 bis 1795, Feldzug von 1806 gegen Frankreich; Belagerungs-Kriege gegen die preussischen Festungen 1806/07, Feldzug von 1809 gegen Österreich), in deren Verläufe beinahe sämtliche sächsischen Einheiten durch ein sechs- oder zwölf-monatiges Rotations-Prinzip zum Einsatz gekommen waren, mehr als ausgedient. Und aufgrund einer ganzen Reihe von Mängeln hatte das gerade eingeführte lokaler Link "Neu-Suhler Modell" innerhalb der Truppe nur wenig Anerkennung gefunden.

Die Beschaffung neuer Infanterie-Gewehre war unbedingt und vor allem schnell erforderlich.

Da allem Anschein nach die Suhler Waffen-Betriebe jedoch weder in der Lage waren, in kurzer Zeit neue Probe-Muster zu entwickeln, noch ihre Produktion binnen weniger Monate komplett umstellen bzw. innerhalb eines Jahres den Erst-Bedarf von mindestens zwanzig-tausend Hand-Feuer-Waffen decken zu können (zumal die namhaften Werkstätten wahrscheinlich mit der – zumindest anteiligen – Fertigung von Gewehren des gerade eingeführten "Neu-Suhler Modells" beschäftigt waren), darüber hinaus beinahe sämtliche Waffen-Bestände in den Arsenalen und Depots der geschlagenen preussischen Armee (sofern nicht vernichtet) an das Herzogtum von Warschau oder nach Baden und Hessen gegangen waren; letztendlich die französischen Gewehr-Fabriken mit der Herstellung von Ersatz-Stücken für Napoleons Armee vollkommen ausgelastet waren und infolge der währenden Kriege schon seit Jahren an den Grenzen ihrer Kapazitäten arbeiteten, muss die sächsische Rüstungs-Kommission den bestehenden Bedarf wohl europaweit ausgeschrieben haben. Fakt ist, dass Sachsen bald die Bekanntschaft eines Herrn Philipp Calnot machte, der – vorgeblich als Waffen-Fabrikant und -Händler in Wien tätig – das Angebot unterbreitete, für eine Anzahlung von rund dreißig-tausend Talern zwanzig-tausend gebrauchter, jedoch "durchaus gut conditionirter, fehlerfreier, rostreiner und keiner Reparatur unterworfener Gewehre österreichischer und französischer Facon" mit Bajonett liefern zu können. Diese Stücke, die im Mai 1811 in Sachsen eintrafen, erfüllten zwar im wahrsten Sinne die vorgenannten Kriterien, erwiesen sich der hier zitierten Quelle nach jedoch wohl ausnahmslos als s.g. "Schlachtfeld-Funde", die angeblich in den Kämpfen zwischen der französischen und der österreichischen Armee im Jahr 1809 verloren gegangen waren. Hingegen muss es bei den für Juli bis August 1811 vereinbarten Lieferungen von neuen Gewehren für Infanterie und für Artilleristen sowie von neuen Karabinern und Pistolen für die Kavallerie erhebliche Probleme gegeben haben, denn erst erklärte Calnot, die vereinbarte Stück-Zahl von insgesamt sechzig-tausend Feuer-Waffen nicht einhalten zu können, dann konnte er zum vereinbarten Stück-Preis nicht liefern, forderte jedoch Schadens-Ersatz für bereits getätigte Ausgaben, und versuchte letztendlich gar den Abkauf beschädigter oder unbrauchbarer Gewehre durchzusetzen, was wohl mit Datum vom 15. Dezember 1811 zur Aufkündigung des Vertrages zumindest für den Ankauf gebrauchter Waffen führte. Für neue Gewehre wurden den Quellen nach bis zum 17. Oktober 1811 lediglich rund vierunddreißig-tausend Taler gezahlt, was vermuten lässt, dass höchstens acht- bis zehn-tausend neue Feuer-Waffen geliefert werden konnten (denn die in Suhl ansässigen Meister zeigten sich nach dem Bekanntwerden der österreichischen Preise in der Art erbost, dass man in Dresden "um ihnen das Maul zu stopfen" noch im Jahr 1811 eintausend-sechshundert [leichte?] Flinten für die Infanterie und eintausend-fünfhundert Paar Pistolen bestellt hatte).

Über den genauen Inhalt der einzelnen Lieferungen Calnot´s konnten bislang keine detaillierten Angaben ausgemacht werden. Grundsätzlich ist es aber sehr zweifelhaft, dass die österreichische Armee gerade unter dem Eindruck der mit relativ großen Verlusten verlorenen Schlacht von Wagram (5. bis 6. Juli 1809; siehe dazu externer Link WIKIPEDIA) es dulden würde, dass zwanzig-tausend funktionstüchtige Gewehre ins Ausland verbracht und darüber hinaus an eine Partei geliefert werden sollten, die momentan zu den Feinden Österreichs zählte. Noch zweifelhafter ist die Klassifizierung als "Schlachtfeld-Fund", denn in der Regel wurde auf Plünderer oder s.g. Leichen-Fledderer von den Feld-Wachen beider Parteien geschossen, auch hätten es die Franzosen sicher nicht tatenlos hingenommen, dass die Österreicher (die nach der Niederlage von Wagram umgehend den Rückzug in Richtung Znaim eingeleitet hatten) verlorene Waffen gleich welcher Art eingesammelt hätten, zumal große Mengen erbeuteter österreichischer Gewehre an die bayrische Armee gingen bzw. bereits gegangen waren. Damit ist es strittig, welchen eigentlichen Ursprung das als "Gewehr Wiener Facon" bezeichnete Modell tatsächlich hat: Denn obwohl in der österreichischen Armee im Jahr 1807 eine verbesserte Version des Infanterie-Gewehrs M 1798 eingeführt worden war, das die verbreiteten vorherigen Versionen ersetzen sollte, weisen dieses Modell und sämtliche seiner Vorgänger in vielen Details erhebliche Unterschiede zu dem hier vorgestellten Gewehr auf. Technisch ist lediglich die Bajonett-Federhalterung typisch österreichisch, die seit dem Modell von 1774 seriell verbaut wurde. Und so tatsächlich ausgemusterte Original-Exemplare der österreichischen Armee für die Geschäfts-Abwicklung Verwendung gefunden haben, steht die berechtigte Frage, aus welchem Grund und von wem die dann erfolgten und offensichtlich sehr aufwendigen Umarbeitungen – insbesondere die Kürzungen von Lauf und Schaft – veranlasst worden waren, denn das "Gewehr Wiener Facon" ist etwa fünf bis sechs Zentimeter kürzer als die infrage kommenden Modelle der Jahre 1784, 1798 oder 1807. Darüber hinaus sind die in den musealen Sammlungen vorhandenen Originale mit dem eigentümlichen sächsischen Abzugs-Bügel ausgestattet, wie er mit dem "Neu-Suhler Gewehr" zur Einführung gekommen war (konkave Wölbung des hinteren Bogens) und den es in dieser Form seriell bei keinem Gewehr Österreichs gegeben hat. Auch das Kaliber des "Wiener Gewehrs" ist mit zwanzig Kugeln auf das Pfund Blei (gemessen ca. 16,5 mm) deutlich kleiner als bei allen verbreiteten österreichischen und französischen Gewehren, jedoch einheitlich mit dem "Neu-Suhler Gewehr", was wohl das entscheidende Kriterium der Übernahme war.

All diese Aspekte klären aber noch immer nicht die Frage der Herkunft.

Da sämtliche Verkaufs-Verhandlungen mit Calnot als Währungs-Einheit den "Florentiner" benennen (siehe dazu externer Link WIKIPEDIA), Österreich und Frankreich bereits im s.g. Italien-Feldzug von 1796/97 (siehe dazu externer Link WIKIPEDIA) aufeinander getroffen waren, würde die Prüfung hier vorhandener bzw. erbeuteter Waffen u.U. zu neuen Erkenntnissen führen.

Eine weitere These, die bereits mehrfach unter Reenactment-Darstellern diskutiert wurde, verweist auf bestehende Ähnlichkeiten des "Wiener Gewehrs" mit dem preussischen "Nothardt-Gewehr" von 1801. Von diesem Modell waren im Jahr 1806 von der französischen Armee im Berliner Zeughaus (siehe dazu externer Link WIKIPEDIA) rund zwanzig-tausend neue Exemplare erbeutet worden. Weitere Stücke, die liefer-bereit in den "Königlich Preussischen Gewehr-Fabriken" lagerten, und etwa fünf- bis sechs-tausend Stücke, die die Garde-Bataillone der preussischen Armee niedergelegt hatten, waren aufgrund ihres kleinen Kalibers für die Franzosen nicht von Interesse und wurden größtenteils an die Verbündeten abgegeben (wobei nach bislang eröffneten Quellen nur der Verbleib von etwa zehn-tausend Stück geklärt ist): Beide Gewehre weisen in den Längen von Lauf und Schaftung beinahe identische Maße auf; die Gestaltung des Kolbens und der Winkel des Kolben-Halses sind auffallend ähnlich; das minimale Kürzen und/oder Aufbohren der Läufe (im vorliegenden Fall von ca. 15,2 auf etwa 16,5 Millimeter) war eine übliche Praxis zur Vereinheitlichung und einstweiligen weiteren Verwendung. Und ersetzt man die Stifte der Lauf-Befestigung durch die in Österreich und Sachsen bevorzugten Ringe, tauscht darüber hinaus den preussischen Abzugs-Bügel durch das typische sächsische Muster und stellt letztendlich im Auftrag heraus, dass sämtliche Umbauten nach "Wiener Facon" erfolgen sollen, erhält man zumindest erst einmal optisch ein beinahe identisches Exemplar (ein Gedanke, der jedoch nur im Rahmen eines direkten Vergleichs zweier Originale weitergeführt werden kann, aber dahingehend Unterstützung findet, dass das sächsische "Neu-Suhler Gewehr" offensichtlich nach Vorbild des "Nothardt-Gewehrs" entwickelt und gefertigt wurde).

Eine weitere Möglichkeit eröffnet Udo Vollmer in Band II seiner Serie "Deutsche Militär-Handfeuerwaffen" (DWJ-Verlag, 2003): Seiner Quelle zufolge waren die sächsischen Gewehr-Fabriken in Olbernhau und Bärenstein noch im Zeitraum zwischen 1808 und 1809 – und damit bereits zwei Jahre nach dem Wechsel Sachsens auf die Seite der französischen Partei – mit der vertrags-gemäßen Produktion einer Serie von mindestens eintausend Infanterie-Gewehren für die österreichische Armee beschäftigt, die ebenfalls nach "Wiener Facon" gefertigt wurden, das Kaliber von 16,5 Millimeter hatten und wohl auch zur Auslieferung gekommen waren (was verwunderlich ist, denn andere Quellen beschreiben die Auslastung Olbernhaus – auch ist die grundsätzliche Frage berechtigt, ob es den sächsisch-thüringischen Büchsenmachern überhaupt möglich war, Aufträge für eine verfeindete Partei anzufertigen bzw. auszuliefern).

Hatte Sachsen letztendlich seine eigenen Gewehre zurückgekauft?

~

Die folgenden Angaben sind Orientierungs-Werte, die je nach Einzel-Stück erheblich schwanken können (Angaben in Klammern benennen entweder Mittel-Werte verfügbarer Exponate oder beschreiben explizit das hier vorgestellte Beispiel).
Hersteller-Angaben
Entwickler: keine Angaben
Hersteller (Gravuren): keine Angaben
Hersteller (Manufakturen): keine Angaben
produzierte Stückzahl: keine Angaben
Produktionszeit: keine Angaben
produzierte Stückzahl: keine Angaben
Verbreitung: keine Angaben

Kategorisierung (allg.): siehe Muskete

Segmentierung
Gruppe: Vorder-Lader
Bereich: Nahbereichs-Waffe
Reichweite (effektiv): 75 bis 150 m (max. 300 m)
Sektion: glattläufige, flintenartige (Gewehre)
Art: Muskete
System: Steinschloss-Zünder
Kadenz: 4 bis 6 Schuss pro Minute
Typ: Infanterie-Gewehr
Modell: M 1811

technische Angaben
Gesamt-Länge: 1.439,7 bis 1.450,0 mm
Lauf-Länge: 1.059,7 bis 1.065,0 mm
Kaliber: 16,52 mm (20 Kugeln auf das Pfund)
Pulver-Ladung: 0,75 sächsisches Loth (ca. 10,9 g)
Schlossblech-Länge: keine Angaben
Schaft: keine Angaben
Lauf-Befestigung: 1 eiserner Oberbund und 2 eiserne Lauf-Ringe
Lade-Stock: zylindrisch
Kimme: Visier auf der Schwanz-Schraube
Korn: auf dem hinterem Oberbund
Zünd-Loch: konisch
Sonstiges: kein Pfannenschirm
Gewicht: ca. 4.050 g

Bajonett
Gesamt-Länge: 530 mm
Klingen-Länge: 472 mm
Gewehr mit Bajonett: ca. 201,7 cm

Ansichts-Exemplare
Sammlung: externer Link Deutsches Historisches Museum, Berlin


Infanteriegewehr M 1811
Abbildung eines Modells von 1811 (Bearbeitung; Quelle: "Illustrierte Historische Hefte - Völkerschlacht bei Leipzig 1813", Karl-Heinz Bömer, Heft 32, Verlag der Wissenschaften, DDR, Berlin 1984).


Abbildung gesucht
Komplett- und Detail-Ansichten gesucht...

Wir sind dankbar für jede Abbildung zum Thema. Ausgesprochen dankbar sind wir Ihnen, so Sie uns (soweit möglich bzw. bekannt) die Bild-Quelle und sämtliche relevanten Angaben (Ausstellungs-Ort, Maße, ggfs. Gewicht etc.) übermitteln könnten. Gern benennen wir Sie an dieser Stelle auch namentlich als Rechte-Inhaber bzw. Unterstützer dieses Projekts.


... zu den lokaler Link kurfürstlich-sächsische Feuer-Waffen (von 1700 bis 1806)


... zurück zur Übersicht sächsische Feuer-Waffen


... zurück zum KOMPENDIUM der Waffenkunde - Verzeichnis


Diese Reihe wird fortgesetzt mit der...

Jäger-Büchse M 1821

Hand-Feuer-Waffen aus der Gruppe der gezogenen Vorder-Lader, Art der Büchsen, mit Steinschloss-Zündung. Die erste, in kleiner Serie hergestellte Büchse für die Jäger der sächsischen Schützen-Bataillone.

Jäger-Büchse M 1821


Vorläufer:
keine reglementierten Ordonnanz-Stücke Nachfolger:
Jäger-Büchse M 1821/47

Angaben folgen...

Abbildung gesucht
Komplett- und Detail-Ansichten gesucht...

Wir sind dankbar für jede Abbildung zum Thema. Ausgesprochen dankbar sind wir Ihnen, so Sie uns (soweit möglich bzw. bekannt) die Bild-Quelle und sämtliche relevanten Angaben (Ausstellungs-Ort, Maße, ggfs. Gewicht etc.) übermitteln könnten. Gern benennen wir Sie an dieser Stelle auch namentlich als Rechte-Inhaber bzw. Unterstützer dieses Projekts.


... zu den lokaler Link kurfürstlich-sächsische Feuer-Waffen (von 1700 bis 1806)


... zurück zur Übersicht sächsische Feuer-Waffen


... zurück zum KOMPENDIUM der Waffenkunde - Verzeichnis


Letzte Änderung 07.05.2016: Eintrag M/1811

Besuche seit dem 01. Dezember 2015

14.09.2015: This document was successfully checked as XHTML 1.0 Transitional! Valid XHTML 1.0 Transitional

14.09.2015: Dieses Dokument wurde als CSS level 3 validiert! CSS ist valide!